Archive for the ‘Sprichwörtliches….Fremdes….’ Category

August 15, 2010

where everything is bad
it must be good
to know the worst

Francis H. Bradley

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Mai 19, 2010

We shall fight in France, we shall fight on the seas and oceans, we shall fight with growing confidence and growing strength in the air, we shall defend our island, whatever the cost may be.

We shall fight on the beaches, we shall fight on the landing grounds, we shall fight in the fields and in the streets, we shall fight in the hills; we shall never surrender….

Winston Churchill, 04.06.1940

April 24, 2010

Es gibt einen ziemlich engen Zusammenhang zwischen sprachlicher Bildung und emotionaler Bildung und wenn diese beiden Dinge Hand in Hand gehen und zu einer Ausdifferenzierung des seelischen Leben führt, dann liegt eine education sentimental vor, die dann auch zu einer Vergrößerung der moralischen Sensibilität führen kann oder auch der politischen Sensibilität.
Je differenzierter wir in unserem Empfinden sind, desto differenzierter wird unsere Einbildungskraft, darüber wie die anderen das Leben erleben, desto differenzierter wird unsere Rücksichtsnahme, desto differenzierter wird unsere Idee davon wie ein Gesellschaft zu sein hätte, in der es möglichst wenig Grausamkeit gibt, das heißt die education sentimental ist nicht nur ein Salonluxus, sondern es ist eine imense politische Aufgabe Menschen zu Artikulation ihrer Gefühle zu verhelfen und sie dadurch zu politisch differenzierten Individuen zu machen.
Pascal Mercier

März 31, 2010

Auch heute noch wichtiger als jedes Menschenrecht; als jedes Gesetz, als jedes Talent:

„Weil Sie ein hochgestellter Herr sind, halten Sie sich auch für ein Genie!….Adelstitel, Reichtum, Aussehen, Hofämter, das alles macht sie stolz! Und was haben sie tun müssen, um solche Güter zu erwerben? Sie haben die Qual der Geburt erduldet, weiter nichts. Im Übrigen sind sie ein ziemlich durchschnittlicher Mensch. Ich, aber weiß Gott! Ich kam von ganz unten her, ich musste für meine bloße Existenz mehr Intelligenz und Berechnung aufwenden, als man seit hundert Jahren aufgewandt hat, um ganz Spanien samt all seinen Kolonien zu regieren.“

Pierre-Augustin Beaumarchais; Die Hochzeit des Figaro

März 30, 2010

„Noch vor 150 Jahren galt Angst als Ergebnis einer falschen Erziehung durch unfähige Mütter und Kindermädchen, wo doch Furchtlosigkeit, Tapferkeit und Mut die eigentlich erstrebenswerten Tugenden waren. Nicht erst seit dem 11. September hat Angst einen ganz anderen kulturellen Stellenwert bekommen. In der Erziehung werden „Vorsicht“ und „Schutz“ über Angst gelernt: Angst vor Fremden, vor dem Straßenverkehr, vor Zusatzstoffen in Lebensmitteln. Wir bewegen uns zunehmend in einer Kultur der Angst und sind an der haarscharfen Grenze angekommen, wo der evolutionsgeschichtlich lebensrettende Umgang mit dem Affekt Angst umschlägt in ein Benutzen von Angst, um damit jeden noch so weit reichenden Eingriff in Persönlichkeitsrechte zu rechtfertigen.“

Regina Ammicht Quinn

März 30, 2010

„Denn sie säen Wind und werden Sturm ernten. Ihre Saat soll nicht aufgehen; was denoch aufwächst, bringt kein Mehl; und wenn es etwas bringen würde, sollen Fremde es verschlingen.“
Altes Testament

März 30, 2010

Stets war es Brauch der Menschen, einen Gefallenen noch tiefer zu treten.
Aischylos

März 27, 2010

Berthold Brecht: Wenn die Menschen Haifische wären

„Wenn die Haifische Menschen wären, fragte Herrn K. die kleine Tochter seiner Wirtin, „wären sie dann netter zu den kleinen Fischen?“

„Sicher“, sagte er. „Wenn die Haifische Menschen wären, würden sie im Meer für die kleinen Fische gewaltige Kästen bauen lassen, mit allerhand Nahrung drin, sowohl Pflanzen als auch Tierzeug. Sie würden dafür sorgen, dass die Kästen immer frisches Wasser hätten, und sie würden überhaupt allerhand sanitärische Maßnahmen treffen, wenn z.B. ein Fischlein sich die Flosse verletzten würde, dann würde ihm sogleich ein Verband gemacht, damit es den Haifischen nicht wegstürbe vor der Zeit.

Damit die Fischlein nicht trübsinnig würde, gäbe es ab und zu große Wasserfeste; denn lustige Fischlein schmecken besser als trübsinnige.

Es gäbe natürlich auch Schulen in den großen Kästen. In diesen Schulen würden die Fischlein lernen, wie man in den Rachen der Haifische schwimmt. Sie würden z.B. Geographie brauchen, damit sie die großen Haifische, die faul irgendwo rumliegen, finden könnten. Die Hauptsache wäre natürlich die moralische Ausbildung der Fischlein. Sie würden unterrichtet werden, dass es das Größte und Schönste sei, wenn ein Fischlein sich freiwillig aufopfert, und sie alle an die Haifische glauben müßten, vor allem, wenn sie sagten, sie würden für eine schöne Zukunft sorgen. Man würde den Fischlein beibringen, dass diese Zukunft nur gesichert sei, wenn sie Gehorsam lernten. Vor allen niedrigen, materialistischen, egoistischen und marxistischen Neigungen müßten sich die Fischlein hüten, und es sofort melden, wenn eines von ihnen solche Neigungen verriete.

Wenn die Haifische Menschen wären, würden sie natürlich auch untereinander Kriege führen, um fremde Fischkästen und fremde Fischlein zu erobern. Die Kriege würden sie von ihren eigenen Fischlein führen lassen. Sie würden die Fischlein lehren, dass zwischen ihnen und den Fischlein der anderen Haifische ein riesiger Unterschied bestehe. Die Fischlein, würden sie verkünden, sich bekanntlich stumm, aber sie schweigen in ganz verschiedenen Sprachen und könnten einander daher unmöglich verstehen.Jedem Fischlein, das im Krieg ein paar andere Fischlein, feindliche, in anderer Sprache schweigende Fischlein, tötete, würde sie Orden aus Seetang anheften und den Titel Held verleihen.

Wenn die Haifische Menschen wären, gäbe es bei ihnen natürlich auch eine Kunst. Es gäbe schöne Bilder, auf denen die Zähne der Haifische in prächtigen Farben, ihre Rachen als reine Lustgärten, in denen es sich prächtig tummeln läßt, dargestellt wären.

Die Theater auf dem Meeresgrund würden zeigen, wie heldenmütige Fischlein begeistert in die Haifischrachen schwimmen, und die Musik wäre so schön, dass die Fischlein unter ihren Klängen, die Kapelle voran, träumerisch, und in der allerangenehmste Gedanken eingelullt, in die Haifischrachen strömten.

Auch eine Religion gäbe es ja, wenn die Haifische Menschen wären. Sie würde lehren, dass die Fischlein erst im Bauche der Haifische richtig zu leben begännen.

Übrigens würde es auch aufhören, dass alle Fischlein, wie es jetzt ist, gleich sind. Einige von ihnen würden Ämter bekommen und über die anderen gesetzt werden. Die ein wenig größeren dürften sogar die kleineren fressen. Dies wäre für die Haifische nur angenehm, da sie dann selber öfter größere Brocken zu fressen bekämen. Und die größeren, Posten innehabenden Fischlein würden für die Ordnung unter denn Fischlein sorgen, Lehrer, Offiziere, Ingenieure im Kastenbau werden.

Kurz, es gäbe erst eine Kultur im Meer, wenn die Haifische Menschen wären.“

März 27, 2010

….ein sehr guter Artikel aus der „Berliner Zeitung“ über etwas, dass man nicht fressen, nicht vögeln und nicht verspotten kann….
….es handelt sich also um einen Artikel über etwas, dass wohl die allerwenigsten interessieren dürfte….
….ein sehr guter Artikel über die Pressefreiheit….

60 Jahre Pressefreiheit?

von Christian Bommarius

Journalisten, die bewusst die Unwahrheit verbreiten, sind verlogen, Journalisten, die bewusst die Wahrheit verbreiten, seit jeher und in vielen Teilen der Welt bedroht an Leib und Leben. Journalisten, die die Unwahrheit im Dienst der Obrigkeit oder der Geschäftswelt verkünden, sind in der Regel gut bezahlt, Journalisten, die die Wahrheit öffentlich zur Sprache bringen, erwartet dafür häufig Gefängnis, Folter oder Tod. Journalisten, die sich kaufen lassen, sind keine Journalisten, unkäufliche Journalisten sind aus verständlichen Gründen weltweit noch immer eher die Ausnahme, jedenfalls keineswegs die Regel.

Der Weltverband der Zeitungen hat den diesjährigen Internationalen Tag der Pressefreiheit unter das Motto „Journalisten in der Schusslinie“ gestellt und die Lage damit sehr genau bezeichnet. Im vergangenen Jahrzehnt wurden weltweit mehr als 400 Journalisten ermordet, allein im laufenden Jahr bereits mehr als 60. Damit verglichen ist die Zahl der derzeit inhaftierten Journalisten – weltweit 143 – auf den ersten Blick verblüffend gering. Aber sie ist natürlich nur ein Beleg dafür, dass in etlichen Staaten die Verbreitung der Wahrheit nicht mit Gefängnis, sondern mit dem Tod bestraft wird.

Die Garantie der Pressefreiheit ist ein Erkennungsmerkmal der Demokratie. Es es kein totalitärer Staat bekannt, der das freie Wort als unveräußerliches Recht betrachtet, und umgekehrt ist auch noch keine Demokratie – die diese Bezeichnung verdient – bekannt geworden, die der Pressefreiheit nicht höchste Bedeutung einräumt. Diesen Rang haben die medialen Freiheitsrechte nur deshalb verdient, weil sie dienen: „Sie sind gewährleistet, um den für die Demokratie konstitutiven öffentlichen Meinungs- und Willensbildungsprozess zu ermöglichen.“ So hat es das Bundesverfassungsgericht in etlichen Urteilen entschieden, und es ist nicht zuletzt sein Verdienst, dass die Pressefreiheit, die in Deutschland auf keine besonders erhebende Tradition zurückblicken kann, seit einigen Jahrzehnten zwar nicht immer besonders geschätzt, aber immerhin geduldig ertragen wird wie Regen, Verkehrskontrollen oder ein Arzttermin – nicht immer schön, aber leider notwendig.

Das wird gefeiert werden, wenn die Bundesrepublik in den nächsten Wochen ihrer Gründung am 23. Mai 1949 gedenkt. Und natürlich sollte auch gefeiert werden, dass im Westen Deutschlands seit 60, im Osten seit 20 Jahren kein Journalist mehr um seine Freiheit fürchten muss, wenn er die Wahrheit schreibt, ja selbst sogar ausnahmsweise nur, wenn er die Unwahrheit schreibt. Die Frage ist nur, ob das nach sechs Jahrzehnten noch den Maßstab bilden kann für die Beurteilung des Stands der Pressefreiheit.

Werden Freiheitsrechte von außen bedroht, lassen sie sich verteidigen, werden sie hingegen gar nicht erst in Anspruch genommen, sterben sie einen schleichenden Tod. Das droht den Zeitungen, wenn sie – wie auch die Berliner Zeitung bis vor wenigen Monaten – nicht mehr von Verlegern, sondern von als Verleger kostümierten Betriebswirten geführt werden, die nicht verstanden haben, dass Zeitungen nicht wegen der Anzeigen erscheinen, sondern die Anzeigen nolens volens erforderlich sind, damit die Zeitungen erscheinen und ihren vom Grundgesetz geschützten Zweck erfüllen können. Anderenfalls gäbe es überhaupt keinen Grund, die Arbeit der Zeitungen – und natürlich auch der Fernseh- und Rundfunksender – in der Verfassung anders zu behandeln als die Betätigung von Bierbrauern, Würstchenverkäufern oder Textilfabrikanten.

So wie die Pressefreiheit nicht primär den Geschäftsinteressen privater Unternehmer dient, so dient sie auch nicht primär den Sicherheitsinteressen des Staates. Aber im November 2007 hat der Bundestag die Vorratsdatenspeicherung beschlossen, die die Telekommunikationsunternehmen zur Speicherung sämtlicher relevanter Verbindungsdaten über sechs Monate verpflichtet. Das ist ein Misstrauensvotum des Staates gegenüber seinen Bürgern. Ein Staat, der jedermann zum potenziellen Terroristen oder Kriminellen erklärt und sich entsprechend in Stellung bringt, darf sich nicht wundern, wenn die Bürger ihrerseits dem Staat mit Misstrauen begegnen und sich darauf besinnen, was die Grundrechte im wesentlichen sind – es sind zuallererst Abwehrrechte gegen den Staat. Zu diesen Abwehrrechten zählt die Pressefreiheit, die auch das Zeugnisverweigerungsrecht der Journalisten und den Schutz der Informanten umschließt. Beide sind in Deutschland nicht mehr sehr viel wert. Mit der Verpflichtung , Kontaktdaten auch von Journalisten zu speichern, korrespondiert die Ermächtigung des Bundeskriminalamts durch das Ende 2008 beschlossene BKA-Gesetz, Telefonate von Journalisten abzuhören und Festplatten von Redaktionen heimlich zu durchsuchen. Zweifelhafter Triumph der Pressefreiheit: Journalisten, die ihre Informanten nicht verraten wollen, werden in Deutschland nicht mehr eingesperrt, sondern heimlich abgeschöpft.

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So wie die Pressefreiheit nicht primär den Geschäftsinteressen privater Unternehmer dient, so dient sie auch nicht primär den Sicherheitsinteressen des Staates.

März 27, 2010

….der Text von Mark Twain hat mir nicht nur sehr gut gefallen, denn trifft auch meine persönliche Situation sehr gut. Deshalb habe ich mich dazu entschlossen den gesamten Text  online zu stellen….

Mark Twain
Das Privileg der Toten

Im Grab genießt man ein Recht, von dem kein Lebender je Gebrauch macht: das Recht auf freie Rede. Genau genommen haben auch die Lebenden dieses Recht. Da sie aber sehr wohl wissen, dass es ihnen nur der Form halber zugestanden wird und sie es sich daher nie einfallen lassen würden, davon tatsächlich Gebrauch zu machen, kann man nicht wirklich von einem Recht im eigentlichen Sinne sprechen.

Vergleichbar wäre es mit dem Recht, einen Mord zu begehen: Wir können davon Gebrauch machen, wenn wir willens sind, die Folgen auf uns zu nehmen. Mord steht sowohl formal als auch in der Praxis unter Strafe. Die freie Meinungsäußerung ist formal erlaubt, aber in der Praxis verboten. Beide werden gemeinhin als kriminelle Handlungen erachtet und von allen zivilisierten Völkern zutiefst verabscheut.

Mord wird manchmal bestraft, freie Meinungsäußerung immer – wenn sie denn vorkommt, was nicht allzu häufig ist. Im Verhältnis stehen 5000 Morde zu einer einzigen Äußerung einer (unpopulären) Ansicht. Es gibt gute Gründe, eine unpopuläre Meinung für sich zu behalten: Sie kann einen Mann teuer zu stehen kommen; sie kann seinen geschäftlichen Ruin bedeuten und ihn der öffentlichen Schande aussetzen. Es besteht die Gefahr, dass seine Freunde sich von ihm abwenden, man seine Angehörigen von der Gesellschaft ausgrenzt und sein Haus ein von allen gemiedener, einsamer Ort wird. Jeder Mensch hegt in seiner Brust die eine oder andere unpopuläre Ansicht über Religion oder Politik. Und je intelligenter derjenige ist, desto schwerer trägt er an der Last dieser Ansichten, die er für sich behalten muss. Es gibt niemanden – der Leser und ich selbst eingeschlossen -, der nicht solcherlei missliebige Überzeugungen in sich hegt und pflegt und sie aus Vernunftgründen nicht ausspricht. Manchmal halten wir uns zurück aus Gründen, die uns zur Ehre gereichen, aber meistens schweigen wir, weil wir nicht bereit sind, die schweren Folgen einer unpopulären Äußerung auf uns zu nehmen. Niemand möchte gehasst werden, niemand möchte ausgestoßen sein.

Aus diesem Umstand folgt unweigerlich, dass wir, bewusst oder unbewusst, darauf konzentriert sind, unsere Meinung der unseres Nachbarn anzupassen, um seine Billigung zu finden, als darauf, unsere Ansichten wohlweislich auf Richtigkeit und Güte zu prüfen. Diese Sitte hat einen weiteren Umstand zur Folge: eine öffentliche Meinung, die auf solche Weise entsteht und verbreitet wird, ist nicht wirklich eine Meinung, sondern Politik. Hinter ihr steht weder Überlegung noch Grundsatz, und sie verdient keinerlei Achtung.

Wird der Öffentlichkeit eine völlig neue und noch unerprobte politische Idee vorgelegt, sind die Leute zunächst ängstlich, verunsichert und zaghaft und werden anfänglich schweigen und sich nicht festlegen. Nur eine kleine Minderheit wird sich die Zeit nehmen und die neue Ansicht eingehend prüfen, um sich selbst eine Meinung zu bilden; die meisten werden abwarten, um zu sehen, wofür sich die Mehrheit entscheidet. Als sich vor einem dreiviertel Jahrhundert im Norden (der USA, d. Red.) die Bewegung gegen die Sklaverei formierte, fand sie dort zunächst kaum Zuspruch. Weder Presse noch Kirche, ja fast niemand interessierte sich dafür. Man schwieg, weil man Angst hatte, sich zu äußern und als Folge davon ausgestoßen zu werden, und nicht etwa, weil man die Sklaverei billigte oder kein Mitleid für die Sklaven hatte. Denn niemand, weder der Staat Virginia noch ich selbst, bilden hier eine Ausnahme: wir schlossen uns der Konföderation an, nicht weil wir es gewollt hätten – denn das war keineswegs der Fall – sondern weil wir nicht gegen den Strom schwimmen wollten. Dies ist schlicht ein Naturgesetz, und wir befolgten es.

Der Wunsch, mit dem Strom zu schwimmen, ermöglicht politischen Parteien ihren Erfolg. Es gibt für die Mehrheit der Bürger keinen höheren Beweggrund, einer Partei beizutreten, es sei denn, die Mitgliedschaft des Vaters wäre einer. Der durchschnittliche Bürger beschäftigt sich nicht mit den politischen Leitsätzen einer Partei, und er tut gut daran, denn weder er noch ich wäre in der Lage, diese zu verstehen. Die Aufforderung, in verständlichen Worten zu erklären, warum er sich für diese oder jene politische Richtung entschieden hat, würde ihn in große Verlegenheit bringen. Das Gleiche gilt für die Frage der Zölle und für alle anderen wichtigen politischen Zusammenhänge. Denn alle großen politischen Fragen sind äußerst komplex – zu komplex für den normalen Bürger. Was kaum verwunderlich ist, denn sie sind selbst für die verständigsten Köpfe des Landes zu schwierig. Trotz all des Aufhebens und Diskutierens konnte nicht eindeutig entschieden werden, welche politische Ansicht die richtige und beste ist.

Ist ein Mann erstmal einer Partei beigetreten, wird er ihr in den meisten Fällen treu bleiben – selbst dann, wenn sich seine Meinung oder gar sein Empfinden ändert. Seine Freunde sind in der Partei, und ihnen gegenüber wird er seine neue Gesinnung für sich behalten und nach außen seine alten, inzwischen abgelegten Ansichten vertreten. Das sind die Bedingungen, unter denen er sein amerikanisches Recht auf freie Meinungsäußerung ausüben kann. Solche Unglücklichen gibt es in beiden Parteien, aber ihre Anzahl kennen wir nicht. Aus diesem Grunde können wir auch nicht wissen, welche Partei bei einer Wahl wirklich in der Mehrheit ist.

Redefreiheit ist das Privileg der Toten, das alleinige Recht der Toten. Sie können ehrlich aussprechen, was sie denken, ohne jemanden zu verletzen. Den Toten gegenüber sind wir wohlwollend gesinnt. Auch wenn wir mit ihren Äußerungen nicht einverstanden sind, greifen wir sie nicht an, verunglimpfen sie nicht, da wir wissen, dass sie wehrlos sind. Was würden wir nicht alles erfahren, wenn sie sprechen könnten! Denn käme zutage, dass in Gesinnungsfragen keiner der Dahingegangenen wirklich das war, für das man ihn im Leben hielt; dass er aus Furcht, aus weiser Überlegung oder aus Rücksicht auf die Gefühle seiner Nächsten lange Zeit bestimmte Ansichten vor seiner Umgebung geheim gehalten und sie mit ins Grab genommen hat. Und dann würde es den Lebenden plötzlich und schmerzhaft bewusst werden, dass auch sie, und mit ihnen ganze Nationen, tief im Innern nicht das sind, was sie zu sein scheinen – und es auch nie sein werden.

Die meisten von uns würden sich dieser geheimen Last gerne entledigen. Zu Lebzeiten können wir es nicht, aber was hindert uns daran, uns nach dem Tode diese Genugtuung zu verschaffen? Warum schreiben wir solche Dinge nicht in unser Tagebuch, statt sie geflissentlich auszulassen? Warum schreiben wir sie nicht auf und hinterlassen sie unseren Freunden?

Denn die Redefreiheit ist fürwahr ein erstrebenswertes Gut. Das wurde mir vor fünf Jahren in London bewusst, als Bürger, die anderer Ansicht waren, Sympathisanten der Buren – angesehene Männer, Steuerzahler und gute Bürger, die genauso wie alle anderen ein Recht auf ihre Meinung hatten – bei ihren Zusammenkünften angriffen und die Wortführer vom Pult zerrten und misshandelten.

Es wurde mir bewusst, als wir in Amerika Zusammenkünfte angegriffen und die Redner zusammengeschlagen haben. Und ganz besonders wird es mir zwei bis drei Mal im Monat bewusst, wenn ich etwas veröffentlichen will, und ein Gefühl der Schweigepflicht sich meiner bemächtigt und mir es verbietet. Manchmal staut sich so viel in mir auf, dass ich nicht anders kann, als zur Feder zu greifen und meine Gedanken und Gefühle zu Papier zu bringen, bevor sie mich ersticken, und dann war all die Tinte und Anstrengung vergebens, weil ich das Ergebnis nicht drucken lassen kann.

Ich stehe gerade im Begriff, eine solche Arbeit zu beenden, und ich bin mit dem Ergebnis hochzufrieden. Es tut meiner alten Seele gut, diese Zeilen zu lesen, und ich weiß, welcher Kummer eine Veröffentlichung für mich und die Meinen bedeuten würde. Ich werde es jedoch der Nachwelt hinterlassen. Im Grabe herrscht die Redefreiheit, und die Nächsten bleiben unbeschadet.