Eluard

Eluard

Im Posting vom 05.11.2013 „zwei Anekdoten“ *1 habe ich anhand der polnischen Literaturnobelpreisträgerin Wislawa Syzmborska aufgezeigt, dass am heutigen Tag niemand mehr Gedichte liest, niemand….

Dabei vom Feuilleton bis zu den führenden Intellektuellen jene Entwicklung seit einiger Zeit beklagt wird, von Europa bis zu den USA die Lyrik praktisch aus jedem Diskurs verschwunden ist, ersetzt vom Twitter-Dreizeiler, dem Facebook-Stimmungs-Update, bzw. dem whats app.

Dabei habe ich den vergangenen Tagen den letzten Beweis, ob jener traurigen Entwicklung gefunden und zwar in folgender Geschichte verpackt:

Am 12.November 1952 war die wichtigste Nachricht im französischen staatlichen Rundfunk (dem damaligen einzigen Massenmedium, sozusagen das damalige Fernsehen) die Nachricht vom Tod des Lyrikers Paul Eluard und eine jeden Nachrichtensendung zur jeweils vollen Stunde begann mit den Worten:

Paul Eluard ist tot

Zu einer Zeit, als die Menschen, zumindest eine kleine Minderheit, noch Buecher gelesen haben und nicht jeder Diskurs, jedes Argument, jeder Aspekt zum zeitgeistigen Gaga-Gaga auf Bingo Bongo Level….

Aber als Paul Eluard im Jahr 1947 seine politischen Gedichte (etwas zu kommunistisch rot eingefärbt) zum Beispiel publiziert hatte, war jene Veroeffentlichung eine der wichtigsten kulturellen Nachrichten aus Frankreich in jenem Jahr und fand seinen gesellschaftlichen-medialen Wiederhall auf den ersten Seiten aller französischen Zeitungen.

Was also heute die us-amerikanischen Rapstars und Hollywood-Stars, dass waren vor nicht all zu langer Zeit der Intellektuellen, der Dichter, der Künstler, welche eine Aussage hatten und nicht nur einen Twitter-Account.

Aber vor einigen Wochen habe ich in einer Bibliothek ein Buch vom Paul Eluard erstöbert.

Das Buch „Vom Horizont Eines Menschen Zum Horizont Aller Menschen“ von Paul Eluard.

Herausgegeben vom Verlag der Nationen, 1.Auflage 1956 (in der damaligen DDR).

Eine Geschenkgabe an die Bibliothek aus dem Privatbesitz eines gewissen Dr. phil. Heinz Stolpe, Weimar, ….

Eine abgedruckte Widmung des Paul Eluard (Je suis né pour te connaitré. Pour te nommer. Liberté…..Paul Eluard) mit einer eingeklebten Photografie.

Mit Zeichnungen von Max Schwimmer.

So weit, so gut…..

Den vergangenen Tagen das Buch, die Gedichte gelesen und dabei im Buchinneren einen Verleihschein für dieses Buch entdeckt, von einer Zeit, als es noch keine Computer in Bibliotheken dann gegeben hatte.

Aus dem analogen Zeitalter….

Auf dem oberen Ende des Verleihschein ein handschriftliches Vermerk:

Verlängerung nicht möglich!

Darunter der Name und die Anschrift der Bibliothek.

Und dann folgender Text mit handschriftlichen Datum:

Dieses Buch ist spätestens am 30.7.87 zurückzugeben.

Die Öffnungszeiten der Bibliothek.

Dann folgender Text:

Bei Fristversäumnis wird für die erste Mahnung eine Gebühr von 15,- DM erhoben.
Der Entleiher haftet fuer Beschädigungen und Anstreichungen. Diese sind ggf. sofort beim Empfang des Buches zu melden.
Die Weitergabe ist nicht erlaubt.

Die gute Nachricht dabei….

Irgendwann zwischen 1956 und 1987 hat es das Buch unbeschadet über die Zonengrenze von der DDR in die BRD geschafft…..

Die schlechte Nachricht dabei….

Anscheinend bin ich womöglich die erste Person seit 1987, welche sich jenes Buch dann in einer Bibliothek ausgeliehen hat….

27 Jahre lang….

Also 1952 war beinahe die wichtigste Nachricht in Frankreich der Tod eines Lyrikers….35 Jahre später ein Nischendasein und weitere 27 Jahre später jede Lyrik aus dem öffentlichen Diskurs verschwunden….

Und diese Entwicklung kann man doch grösstenteils generalisieren….

Nicht nur bezueglich der Gedichte, denn einer generellen Verblödung und Sprachlosigkeit.

Vom Einzelbuchhandel, welcher zur Zeit der Lyrik in das Nichts folgt, von Büchern, vom Roman, von der Literatur als Grosses und Ganzes….

Ersetzt, spätestens der jüngeren Generation, durch Twitter und Facebook, mit jeder Information reduziert auf maximal drei Wörter.

Ob man da heute komplexe Zusammenhänge, geschichtliche Verwicklungen undsoweiter…..

Ja ob man überhaupt irgendetwas von irgendetwas verstehen kann?

Aber ein Gedicht vom Paul Eluard, einem Eluard P., welcher sich mit 37 Jahren in eine gewisse Nuscha verliebt hatte,  sein weiblicher Lebensmensch, welche 1946 überraschend verstarb und Paul Eluard das folgende Gedicht für seine verstorbenen Lebensmensch schrieb:

Wo ist das sanfte Laecheln
Das eines Morgens im Mai begann
Es ist auf dem Munde der Toten
Zu der Lebenden Qual

Wo ist der Brief ohne Antwort
Und der Staub der Worte
Und dies Vertrauen ins Leben
Das ploetzlich ins Schweigen versank

Ich leugne die Traenen und ihr Licht
Meine Augen gehoeren nicht mehr der Welt
Ich bin zerstoert und alles ist zerstoert
Ich bin ein Schatten in der Nacht

Ich bin das Korn der Verwirrung

Also versteht das noch irgendjemand oder halten dies alle am heutigen Tag für verrueckt und krank?

So einer muss ja verrückt sein oder etwa nicht?

Auch wenn es vor 60 Jahren das Maximum an Poesie gewesen war, welche Millionen an Menschen verehrten….

Also auch wenn man etwas nicht versteht….

Dann bedeutet dass noch sehr, sehr lange nicht, dass dies verrückt bzw. krank ist!

Es gibt auch kompliziert, komplex und schwierig….

Nicht nur das Vorurteil….nicht nur die Dummheit….nicht nur die Idiotie….

Es gibt auch die Poesie und nicht nur den Bullshit des Zeitgeist, dem alle hernachrennen….

Es gibt auch so etwas wie Individualität, nicht nur das feige Angepasste!

Anmerkungen/Links:
*1
http://www.bunker99.blogspot.nl/2013/11/zwei-anekdotenzu.html

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