Der Lauf der Geschichte (z.ü.)

Im Sommer des vergangenen Jahres feierte eine provinzielle Volksmusikgruppe ihr 10-jähriges Bestehen mit einem dreitägigen Fest in ihrem Heimatdorf.
Ein Programmheft gegen welches jeder „Diogenes“-Band blass wird, wurde Monate zuvor mit tatkräftiger Hilfe der deutschen, österreichischen und provinziellen Fanclubs erstellt; die provinziellen Unternehmen und eine Bank leerten die Taschen ihrer knausrigen Spendierhosen und gleichzeitig wurde ein riesiges Festzelt aufgestellt.
Die Werbetrommel wurde nicht gerührt, denn gehämmert; da auch „internationale“ Sternchen das Rahmenprogramm „bereicherten“; alle dörflichen Verbände und Organisationen halfen ehrenamtlich, also unbezahlt, bei diesem dörflichen Jahrhunderereignis geradezu fanatisch mit; Lokalpolitiker und provinzielle Politgrößen gaben sich ein Stelldichein; lokale Gourmetspezialitäten wurden aufgetischt; eine Dorfdisco für die etwas jüngeren Fans eingerichtet; finanzielle Landesmittel zur Verfügung gestellt und so kam es dann, dass die Masse in Tausenden zu diesem dreitägigen Fest zur Hohelobung dieser Volksmusikanten herbeiströmte.
Diese stellten ihr neuestes „Werk“ dem geneigten Publikum vor, wurden von Würdeträgern und Karrieremenschen ausgezeichnet, belobigt; es wurde ihnen gehuldigt und als diese Volksmusikgruppe dann am späten Samstagabend als „Headliner“ am Ende ihres Konzert ihren größten Hit namens „Der Postkasten hat Heimweh“ (fiktiver Beispieltitel) und dann den Evergreen „Papier ist aus Holz“ anstimmten, brodelte die Stimmung im Festzelt endgültig über; floß nicht mehr nur der Schweiß, die Tränen, das Bier und am wichtigsten….das Geld; den aus den Reihen der zahlreich erschienen weiblichen Zuhörerschaft die pure Liebe, diesen großen Volksmusikanten entgegen.
In den Armen lagen sich ein glückseliger Bürgermeister und die Dorfgranden; ja das gesamte Dorf lag sich freudehochjauchzend in den Armen und feierten sich selbst, die Volksmusiker und alle waren glückselig und zufrieden (zumindest bis zu jenem Augenblick, wo dann abgerechnet wurde).

Eine jüdische Lyrikerin des 20.Jht. hatte im Laufe ihres Lebens nicht nur schöne Gedichte geschrieben, denn auch einige sehr kluge Bemerkungen von sich gegeben.
Gefragt ob es sich überhaupt lohnen würde Gedichte zu schreiben; da damit ja kaum bis überhaupt nicht Geld zu machen sei; etwas Sinnloseres für den Fragenden kaum vorstellbar erschien, man doch einer praktischen und gesellschaftlich wertvolleren Tätigkeit nachgehen sollte; anwortete diese jüdische Lyrikerin des 20.Jht. das Gedichte die beste Geldanlage von allen seien.
Also nicht die Hedge-Fonds-Beteiligungen oder Aktien oder Immobilien oder Unternehmensbeteiligungen, denn Gedichte.
Und an dieser Tatsache, das Gedichte die beste Geldanlage von allen sei, gab es nur einen Haken, eine klitzekleine Anmerkung beizufügen; das nämlich bei dieser besten aller Geldanlagen auf den daraus resultierenden Profit/Gewinn/Zinsen erst nach 100 Jahren zurückgegriffen werden kann; also erst nach einer Sperrfrist/Reifeprozess von 100 Jahren und dann fließt der Cash; unglücklicherweise ist man dann, merkte auch die jüdische Lyrikerin an, meistens bereits tot.

Thomas Paine schrieb im Jahre 1776 das Phamplet „Common Sense“ (Posting: 08.07.2009), welches dann vom 3. US-Präsidenten Thomas Jefferson nur ein halbes Jahr später für die „Amerikanische Unabhängigkeitserklärung“ plagiiert (also gestohlen) wurde.
Thomas Paine brachte das Phamplet kurzfristigen ökonomischen Erfolg, aber im weiteren Lauf seines Lebens musste er unter Todesdrohungen zuerst aus England und dann auch aus Frankreich fliehen und starb dann einige Jahre später, in die USA zurückgekehrt, mittellos, arm und schon längst von allen vergessen.
Also nicht Thomas Jefferson ist der Vater der „Amerikanischen Unabhängigkeitserklärung“, denn der schon längst vergessene Thomas Paine ist der Autor dieser „Unabhängigkeitserklärung“, einem der wichtigsten Schrifstücke in der Geschichte der Menschheit.

Nach diesen drei Beispielen möchte ich zur Frage kommen und diese lautet:
Was wird bleiben?

Wird das Herumgehure und Herumgesaufe der Gruppe 47 (ein Treffen deutscher Schriftsteller mit wechselnden Wahlverwandtschaften) in Erinnerung bleiben?
Wird der strategische Weitblick der provinziellen Geschäftsmänner und den in ihrem Schatten agierenden politischen Genie`s mit ihrem wichtigsten Machtinstrument: dem Spotten, in Erinnerung bleiben?
Wird der Bademeister aus Rimini in Erinnerung bleiben, der in einer Sommersaison 287 Frauen gevögelt hat?
Wird die Arroganz und Überheblichkeit Max Frisch´s; wird die Weltgewandheit und Erfahrenheit der Oberschichten-Kids in Erinnerung bleiben oder etwa, Schrecken lass nach, doch nicht?

Dazu noch eine letzte Geschichte:
Ich konnte mir heute einen Vortrag eines hohen katholischen Würdenträger der Provinz anhören, welcher über Werte, Ethik und Verantwortung sprach und sein Vortrag war gewürzt mit kleinen Anspielungen und Witzchen; recht unterhaltsam und das Publikum verfolgte doch recht gespannt den Worten des Vortragenden.
So ging es dahin, bis der Vortragende ein Beispiel brachte und zwar folgendes (wobei ich anmerken möchte, ich stelle das Beispiel so dar wie ich es verstanden habe):

Der Vortragende sagte, das die Bewohner der Provinz früher, vor und während des Einsetzen des Wirtschaftswahnsinn, wie die Griechen gewesen seien….demokratisch, friedlich und in erster Linie gemütlich….schließlich habe Gott die Welt auch nicht an einem Tag, denn sieben Tagen erschaffen….so zuerst einmal eine Pfeife rauchen, abwarten, nichts überstürzen, überlegen, nachdenken, nichts überhasten, denn in aller Gemütsruhe (wenn überhaupt dann noch notwendig) zu handeln….
Und dann sagte der Vortragende, dass wir nunmehr, in den vergangenen 20 Jahren wie die Römer geworden seien.

Überhastet, auf den Weg die Welt zu übernehmen, natürlich die Besten, schnell, schnell, schnell; Macht erstrebend, Geld verdienend, Einfluß gewinnend, und, und, und….(also die Hybris!)

Nur hätten die Römer dann ein Weltreich errichtet, kommandierten ihre Truppen in die Provinz ab und währendessen geschah es, das die Barbaren Rom überrannten; die Römer hatten sich also mit ihrem Weltreich übernommen; waren an ihrer Hybris gescheitert; ihrem Größenwahn; denn anstatt Rom zu beschützen, fühlten sich die Römer dermaßen sicher, dass sie ihre Truppen zum Schutze ihrer Provinzen abkommandierten und dazu fällt mir nur das Sprichwort ein: „Hochmut kommt vor dem Fall“.

Und dann kam der Vortragende, ein hoher katholischer Würdenträger, darauf zu sprechen, das die Provinzler wie die Römer geworden seien und das die Provinzler daher doch auf ein, zwei Geschäfte verzichten sollten, als das diese ihre Grundwerte dabei verlieren; ihre Integrität, ihre kulturelle Identität!

Er sprach nicht von den italienischen Faschisten, nicht von den provinziellen Politbonzen; er sprach nicht von den in ihrem Luxusrausch dahinlebenden Abgeordneten, der Senatorin; dem örtlichen Bürgermeister, dem Tourismusvisionär, denn er sprach von der kulturellen Identität des Volkes, von dem Respekt vor der Geschichte, er sprach vom Grundwert der provinziellen Bevölkerung, welche nicht, wie ein Teil der Genannten, vor den Faschisten herumkriechen möchten, denn stolz und mit Ehre ihre Identität bewahren möchten und nicht in Strömen neoliberalem Geldes untergehen lassen würden, (dazu möchte ich anmerken, dass dies meine Interpretation war) und wohl wegen solcher Wörter, die der Wahrheit und nicht dem Mainstream der Masse, dem Pragmatismus der Politiker und Wirtschaftler verbunden ist, ist dieser Vortragende vor einigen Jahren nicht zum Bischof gewählt worden (aber dies nur nebenbei).

Also: Was wird bleiben?
Werden die gebildeten, aufgeklärten, intelligenten Menschen (also diese Minderheit) in 50 bis 100 Jahren, wenn man sie nach einem Aquilani (oder irgendeinem dieser dummen Fußballstars) fragt, diesen kennen; werden sich die Menschen an all diese so mächtigen, durch die weibliche Bevölkerung sich hindurchvögelnden (aber trotzdem ordentlichen) provinziellen Politiker und Wirtschaftler erinnern; an diese Volksmusikantenstars, werden sie sich an diesen italienischen Pöbel erinnern, der nur drohen und beleidigen kann; werden sich die intelligenten Menschen in 100 Jahren an einen Provinzregierungschef, einen Spaletti, einen dieser Nobelhoteliere erinnern; werden die aufgeklärten Menschen an die ProvinzNaziÄrzte denken; an die jungen, hübschen und ein bißchen sehr boshaften Frauen; an die Chefvertuscherin; an den provinziellen Abgeordneten?

NEIN!

Und wenn in 50-100 Jahren mein Name vor diesen gebildeten, intelligenten und aufgeklärten Menschen fallen wird, dann werden diese alle wissen wer dass ist und nicht sagen dieser Spinner und Verrückte, werden nicht in drohenden Tonfall verfallen, in Spöttereien, denn werden von diesem Menschen sprechen, welchem Gott eine Gabe geschenkt hatte; diesem Einzelkämpfer, der frei geblieben ist, bis zum letzten Atemzug seines Lebens; frei im Denken; ein Mensch!

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