….ein Erlebnis aus meiner Vergangenheit ist mir vergangene Nacht vor dem inneren Auge aufgetaucht….

Der Wonnemonat Mai (z.ü.)

Der Wonnemonat Mai beginnt, die allermeisten Menschen in meiner Umgebung blühen auf; verlieben sich; halten ihre Hände ineinander verkrallt; der Miesmut der Menschen verblasst ein wenig und so beginne auch ich diesen Wonnemonat.

Ich verfüge über begrenzte finanzielle Mittel; bezahle einige, seit Monaten überfällige Rechnungen (Miete; Strom; Strafe der öffentlichen Verkehrlinien (man hat kein Geld für ein Ticket, geschweige denn ein Monatsticket) und besitze dann am 3 Mai die stolze Summe von ungefähr 60 Euro für das restliche Monat….60 Euro für Essen; Trinken, Zigaretten; usw. usf.; 28 Tage mit 60 Euro; dass sind 2,14 Euro pro Tag….ich könnte jetzt verzweifeln, aufgeben und heulen; aber ich reagiere gänzlich im Gegenteil und nehme die Herausforderung, so wie die Monate zuvor, an und beginne dahinzuleben….von Tag zu Tag; nicht wie alle anderen; von Monat zu Monat….

Durch die andauernde prekäre finanzielle Situation ist an die eigentliche Aufgabe, die ich zu erfüllen hätte; nicht zu denken….dem Studieren….ich besuche zwar die Vorlesungen, Proseminare; aber auf Dauer wird es einem unmöglich gemacht die Vorlesungen/Proseminare zu besuchen; da man ja nicht mit leeren Magen hingehen kann und die nächste Vorlesung dann immer noch mit leeren Magen besucht und am Ende des Tages diese Zeit, die man anderweitig nutzen muss, verschenkt hat.

Irgendwie scheine ich durch alle Raster hindurchgefallen zu sein, denn die Studenten aus der Oberschicht flanieren durch ihr Studentenleben und die Studenten aus der Unterschicht haben ihre fetten Stipendien und können sich somit ein einigermaßen erträgliches Auskommen erschaffen….irgendwie scheine ich da durch einen sehr wichtigen Raster gefallen zu sein….

Das Geld ist übrigens nicht so schnell am Ende, da ich es vertrinke bzw. verrauche; denn dieses ist so schnell am Ende, da keines vorhanden ist.

Dann gebe es da auch noch die Möglichkeit zu arbeiten; einen klassischen Studentenjob anzunehmen, für 5-6 Euro die Stunde mich demütigen und erniedrigen lassen, um dann entlassen zu werden; einen Job auszuführen für welchen Hunderte, wenn nicht Tausende sich jederzeit aufopfern würden; wohl davon träumen; aber Job und Studium; einem Job, wo man arm wird und nicht reich und ein Studium, wo man sich die Bücher, Skribten nicht leisten kann….da fehlt dann irgendwann jedlicher Sinn in der Sinnlosigkeit in der modernen Existenz des armen Menschen.

Außerdem ist es sehr schwer einen solchen Job zu bekommen; einen Dienstleistungsvertrag zu ergattern, in welchem man auf alle Rechte als Mensch verzichtet und ein Sklavendasein fristet; man bewirbt sich, arbeitet einige Monate und wird dann Opfer der Fluktuation….

Also muss ich dem Wonnemonat Mai mit 60 Euro bestreiten….und was als ein eigentliches unmögliches Unterfangen erscheint, stellt dann, man ist ja abgebrüht und schlimmeres gewöhnt, kein allzugroßes Problem dar….

Beinahe als Trotzreaktion gehe ich jeden Abend aus; feiere das gesamte Monat hindurch; treibe mich auf Vernissagen; Architekturbürofeiern; Werbeargenturfeiern, Architekturbüroeröffnungen; Studentenwohnungsfeiern, Lokaleröffnungen; Würstelstandjubiläume; Künstlerfeiern herum; speise von den Buffets; speise von den gereichten Speisen und kann mit ansehen, wie der Kapitalismus die Menschen degeneriert; wie die hübschesten Studentinnen von den erfolgreichen Künstlern, Architekten; Upper-Class Studenten konsumiert werden; wie ich, der aus allen sozialen Klassen schon geflogen bin, miterleben kann, wie die Studentenschaft ihr Leben in Saus und Braus genießt; wie die anderen in ihrem materiellen und finanziellen Überfluß sich mit den wirklich wichtigen Angelegenheiten des Lebens beschäftigen….wer vögelt mit wem und wann….welcher Künstler wird das nächste große Ding….wie sich die Upper-Class vernetzt und das Leben untereinander aufteilt und man trifft seltsamerweise auch auf einige wie mich; Mitesser; Ratten; die Klötze, die am Bein sich verfangen haben….Menschen deren finanzieller Horizont am Mund endet und die sich beiläufig unter all diesem Upper-Class Abschaum; unter all diese Sorgenlosen und vor allem Sorgenlose gemischt haben….man erkennt sich….man teilt seine Informationen, wo, welche große Kunststudentinnen ihre Vernissage abhalten wird; wo eine Studentenwohnung feiert; in welchem Lokal man an jenem Tag gratis Bier bekommt….man trinkt und isst und blickt um sich….
….all diese so schönen Menschen mit ihrem schönen Leben….

So überlebt man den Wonnemonat Mai, wo sich alle verlieben und alle glücklich sind; wo die Herzen höher schlagen und alles strahlt und glänzt….

Spätestens am 7 Mai sind die finanziellen Ressourcen in Höhe von 60 Euro aufgebracht und allein durch Besuche von Festivitäten überlebt man auch nicht….da man nicht im Anzug herumrennt und auch nicht das neuste Parfüm von „Armani“ auf dem edlen Körper trägt, sind die Chancen bei der weiblichen Mitbevölkerung auf eine positive Resonanz zu stoßen, bescheiden bis gar nicht vorhanden….außerdem hat man dafür gar keine Zeit….man ist damit beschäftigt zu überleben, nicht zu genießen….

Aber, man kann nicht allein durch Festivitäten überleben und nun ohne Geld muss man einen Trumpf im Ärmel besitzen, ansonsten geht es gesundheitlich und ernährungstechnisch wohl in Untiefen hinunter, welche man nicht kennenlernen möchte….

Man könnte kriminell werden….man könnte….man könnte so tun wie die großen Wirtschaftsführer und Banker….seriös, präzise….kriminell….aber man hat eine bessere Lösung….

Meine Lösung war der große Bekanntenkreis….ich hatte sehr viele Bekannte; Bekannte aus der Oberschicht (die sind zwar Pfennigluchser, aber haben zumindest Geld und sind meist mit Frauen, Esoterik und Autorennen ausgelastet); Studenten; usw. usf. (vielleicht mal besser nicht alle erwähnen) und so schnorrte ich diese an; lieh mir alle paar Tage von einem anderen Bekannten Geld und lieh mir alle paar Tage von einem anderen Bekannten Geld und um den 20-25. Mai herum, wurde es dann wieder kritisch….

Die allermeisten Bekannten angepumpt und langsam wurde es um den 20-25. Mai herum kritisch; den Zigarettenkonsum herunterfahren; auf die angelegten strategischen Ernährungsreserven zurückgreifen; kulinarische Spezialitäten wie Spaghetti mit Nichts; täglich zu verspeisen….weiter die Bekannten anpumpen….

Die Feierlaune ist nach 16 Tage Ausgehen in Folge auch nicht mehr die Allerbeste….irgendwie ermüdet ist man von der andauernden Sorge um das eigene Überleben….aber so ist es nunmal….

Man könnte kriminell werden….man könnte….dann hat man dann die staatlichen Kriminellen gegen sich, die die noch größeren Kriminellen beschützen….man könnte….man könnte kriminell werden….
(wobei die Definition von kriminell wohl eher vom Staat als vom einzelnen Bürger ausgeht, den dieser unterliegt ja in einem kriminellen System der Kriminalität des Staates)

….durch irgendeinen, vielleicht den wichtigsten Raster muss man hindurchgefallen sein….

(jetzt kommt das Erlebnis, welches mir vergangene Nacht eingefallen ist)

Ende Mai kratzt man 80 cent an Münzen zusammen, geht zum nahegelegenen Supermarkt, sieht davor die Obdachlosen im Müll herumwühlen; die verschleierten Türkinnen; den Miesmut und die Traumwelt des Konsums, betretet den Supermarkt, geht durch die ewig langen Regale und endet schließlich bei den Nudeln….auf dem Speiseplan steht eine kulinarische Sensation….Spaghetti mit Nichts….eine Speise, welche allerhöchste Kochkünste mit einem heiklen Gaumen verbindet….man nimmt eine Packung Spaghetti und geht zu der Kassa….vor einem eine kleine Schlange von Menschen….vor einem ein ungefähr 50-55 Jahre alter Mann, welcher Geräusche von sich gibt, mit sich selber spricht und von dem ich einen Respektabstand halte; man weiß ja nie, wann die Menschen explodieren bzw. durchdrehen….dieser 50-55 Jahre alter Mann kommt zur Kasse und lädt seinen Einkauf auf das Förderband….es ist alles Katzenfutter….Lachs; Thunfisch; Fleisch, usw.; usf…..alles verpackt in kleinen delikaten Plastikbehältern; eine riesige Menge an Katzenfutter und ich stehe da so hinter diesem Mann mit meinen 80 cent, meiner Spaghettipackung und der Mann lädt die Packungen auf das Förderband….Lachs; Thunfisch; Fleisch, usw. usf.; bezahlt über 100 Euro für dieses Katzenfutter und ich denke mir, der Katze dieses alten Mannes, geht es nicht nur ernährungstechnisch besser als mir; denn dieser Katze geht es besser als 80% der Menschheit….diese Katze ernährt sich ausgewogen und vitaminreich; wird gepflegt und gehätschelt; bekomt Liebe, Zuwendung, Aufmerksamkeit usw. im Überfluß, während ich mich von „Spaghetti al niente“ ernähre….

….eine Katze müsste man sein….

Der Mann bezahlt über 100 Euro für das Katzenfutter und geht mit sich selbst sprechend ab und ein jeder soll mit seinem Geld machen was er damit möchte; aber es bleibt doch die Tatsache festzuhalten, dass es dieser Katze besser geht als 80% der Menschen auf dieser Katzenwelt….

Ich bezahle meine Spaghetti und denke mir, irgendetwas muss sich verändern, irgendetwas muss sich verändern….

Ende Mai findet die finanzielle Misere ein Ende; ich befinde mich wieder im Besitz von einigen Hundert-Euro-Scheinen….ich bezahle keine Rechnung; ich gebe 100 Euro in den ersten 24 Stunden aus….habe die Illusion von einem normalen Leben exakt 24 Stunden lang; bezahle einigen Bekannten das Geld zurück und habe am 3. Juni exakt noch 100 Euro für das restliche Monat…..

….ich treffe meinem Vermieter; erzähle ihm, dass das Geld noch kommt und dieser sagt mir, dass ich doch so nicht leben könne; so könne man ja nicht studieren, so könne man ja nicht leben; dass sei kein Leben solchermaßen um dann ein paar Tage später die Miete zu erhöhen….
….all dieses Gerede von Zivilisation….alles bullshit….

….irgendwie muss ich durch den wichtigsten Raster gefallen sein….

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