Ein Film:
Gomorra
von Matteo Garrone
(nach dem Buch von Roberto Saviano)

Einige Filmjournalisten schrieben dieses Jahr von einer Wiedergeburt des italienischen Autorenkinos; eines italienischen Film, welcher etwas verstaubt und antiquiert gewirkt hatte; harmlos und unpolitisch.
Hauptverantwortlich für diese neue Welle der Anerkennung sind vor allem zwei italienische Filme; zum einen Il Divo  und zum anderen Gomorra.
Während der Film Il Divo das politische Leben Giulio Andreotti mit den Mitteln des Films nacherzählt; mit poetischen Bildern, der kameratechnischen Finesse; der Untermalung durch die Musik, sich zu einem cinematographischen Meisterwerk aufschwingt und den Zuschauer verzaubert zurücklässt; so zeigt der Film Gomorra die hässliche Seite; den Drogenhandel; die Müllentsorgung; den Verrat; den Mord; zeigt die Kriminalität in all ihren Auswüchsen, deren moralischen und menschlichen Verwirrungen.
Wenn ich bei dem Posting über dem Film „Fine Pena Mai“  darauf aufmerksam gemacht hatte, dass man von den Schattenseiten der Kriminalität in jenem Film zu wenig mitbekommt, so erfüllt Gomorra diese Erwartungshaltung voll und ganz….es gibt keine Lichtblicke, keinen Trost; es gibt nur das Überleben, das Geschäft und das Leben in der Unterschicht in aller Härte und Gnadenlosigkeit.
Ein großer Teil des Films spielt in dem am Rande Napolis gelegenen Stadtviertel Scampia; einem Viertel, welches nicht nur der Staat, die Stadt, denn auch die Menschen aufgegeben haben; ein Stadtviertel, in welchem sich der größte Drogensupermarkt Europas befindet; wo es dass billigste Heroin in Europa zu kaufen gibt; einem Stadtviertel, in welchem der Titel des Films: Gomorra, seine Ensprechung in der Wirklichkeit findet….
Der Ausdruck Gomorra entstammt wohl einem Wortspiel zwischen Camorra (der kriminellen Organisation) und Sodom & Gomorrah; zwei Städten im Alten Testament, welche von Gott zerstört worden waren, da diese der Sünde anheimgefallen waren.
In diesem Mikrokosmos namens Scampia spielen sich die alltäglichen Tragödien von, von allen in Stich gelassenen Menschen ab, die wohl keine Alternative haben, außer sich im Grenzbereich zwischen legaler Kriminalität und illegaler Kriminalität ein Auskommen als Mensch zu sichern.
Der Staat und seine Ordnungskräfte sind vollständig abwesend, erscheinen nur um die Leichen einzusammeln; haben sich aus dieser Gegend, wie aus so vielen zurückgezogen und überlassen es der Organisierten Kriminalität für Ordnung zu sorgen.
Diese Organisierte Kriminalität besteht aus Klans; welche sich ebendort blutigst um Absatzmärkte für ihre Drogen, um die Macht über die Menschen zu haben, bekämpfen; Klans, welche die Macht ausüben, aber nichtsdestotrotz in einem etwa gleichen Niveau wie ihre Opfer, wie die Täter, wie die Drogenhändler, Aufpasser leben….man sieht im Film nicht, wo die riesigen Profite aus dem Drogenhandel enden; es scheint in Scampia keine Gewinner mehr zu geben; keine Gewinner weit und breit.
Die Geschichte Scampias wird vor allem aus der Sicht von drei Jungen erzählt, welche in diesem, zu den wohlhabenden Vierteln Napolis, wie ein Paralleluniversum, erscheinendes System, zu überleben versuchen; moralische Fragen, Auswege, Alternativen scheint es für diese 3 Jungen nicht zu geben; alle drei sind in dem System gefangen, einem System, dass zweien von ihnen, nach einem Waffendiebstahl, das Leben kosten wird; so sind die Regel und diese werden in gleicher Härte auch gegen Kinder eingesetzt; der dritte scheint seinen Weg in die kriminellen Strukturen gefunden zu haben; steigt als Spitzel im kriminellen System auf….sein Verrat an einer Frau (der man anschließend in den Kopf schießt), deren Wohnung geräumt werden soll und diese sich weigert, öffnet dem amoralischen, jenseits von Gut und Böse sich befindlichen Jungen, das Tor zur kriminellen Hirarchie.
Ganz anders hingegen spielt Toni Servillo (welcher auch in Divo eine Meisterleistung abgeliefert hatte) einen Camorrista, welcher das Klischeebild des Camorrista widerspricht; welcher kühl und professionell die Müllentsorgung plant und durchführt; mit seinem PKW durch die Gegend fährt; geeignete Ablagerungsplätze überprüft und sich nicht im Geringsten dafür zu interessieren scheint, welchen Gift-/Atom-/Drecksmüll das gesamte restliche Europas (aber vor allem norditalienische Firmen) im neapolitanischen Hinterland in der Erde vergraben….ob daran anschließend Zehntausende an Krebs zu sterben, ist dieser amoralischen fiktiven Figur restlos egal; obwohl dieser gebildet und intelligent wirkt; Geschäft ist Geschäft, würde wohl ein deutscher Vorzeigeunternehmer dazu sagen und dann zur Nobelnutte gehen; akribisch arbeitet dieser Mann, zweifelsohne gewissensfrei; rücksichtslos und an seiner Seite verharrt ein junger Mann, sein Zögling, denn er in seine Geschäftspraktiken Schritt für Schritt einweiht; diesen einbezieht in die kriminellen Machenschaften und geschildert wird dies wie ein Sohn/Vater Verhältnis, in welchem der Sohn nur staunend mitansehen kann, wie dieser mit den LKW-Fahrern der Gift-Fässer umspringt….menschliches Kapital ist wertloser als Giftfässer….
Schließlich bricht der Sohn/der Zögling mit seinem Vater/dem Chef; manche sagen dass dieser Zögling der einzige Lichtblick in diesem Film ist; seine Weigerung sein eigenes Land für den kurzfristigen, riesigen, aber auf langer Sicht fatalen, volkswirtschaftlich ruinösen Profit zu opfern; steigt aus dem Auto aus und der Chef schreit ihm noch nach; dass es solche wie ihn, unendlich viele gebe, Zöglinge, die nur zu gerne sein Leben, seine Position einnehmen können…
Dieser einzige Lichtblick ist meiner Meinung nach auch kein Lichtblick, denn nur die Bestätigung, dass im spätkapitalistischen Zeitalter, kein Platz für Menschlichkeit, für Einsicht, für Menschen mit Skrupel und Gewissen gibt; denn wie der Friedennobelpreisträger Adolfo Perez Esquivel geschrieben hat….

Der Kapitalismus wurde ohne Herz geboren.

In diesem Film „Gomorrah“ findet man dazu genug Beweise, um den Kapitalismus zu lebenslanger Abwesenheit von diesen Planeten zu verurteilen….

Die fiktive Figur, welche mich am meisten beeindruckt hatte (wobei ich anmerken möchte, dass ich den Film im Sommer 2008 im Kino im Orginalton mir angesehen habe und mich somit nicht mehr an jede Einzelheit erinnern kann) ist der Schneider.
Der Schneider schneidert für die Camorra, hält einen Betrieb am Laufen und liefert seine Produkte zu Weltwettbewerbspreisen an die Camorra, welche seine Designerklamotten an die Nobelmarken der Haute Couture liefert; mit irrsinnigen Profiten für alle, außer für den Schneider, seine Arbeiter und wohl auch großen Teilen der Camorra selbst.
Wie aus einem Bilderbuch des Manchester Kapitalismus entstammend, arbeitet dieser Schneider, wissend dass sein Wissen sein größtes Kapital ist; arbeitet für wenig Geld für seinen Padrone und muss zu Hause mit der Liebe seiner Frau kämpfen; welche ihn mit ihrer Liebe andauernd terrorisiert; ein Baby von ihm hat und mehr möchte vom Leben, als ein gewöhnliches Auskommen….
Schließlich gibt der Schneider dem Drängen seiner Frau nach und entschließt sich sein Wissen mit der chinesischen Konkurrenz zu teilen; in einem solchen System ein tödlicher Fehler, wo jeder jeden verrät und jeder jeden verkauft; so eilt dieser zu den Chinesen und weiht diese in die Geheimnisse des Schneiderwesen ein.
Dabei kommt es zu einer Szene, in welcher der Schneider, nach einem ersten Besuch (im Kofferraum eines Mercedes dorthingebracht), zu seiner Frau und dem Baby zurückkehrt, das dazuverdiente Geld seiner Frau anvertraut; diese ihn somit nicht mit ihrer Liebe terrorisiert und dieser den Ausspruch tätigt…..die Chinesen haben gutes Essen….
Es ist der einzige Fehler, welcher ich in diesem Film gefunden habe; aber wie es zu solch einer Aussage, in einem ansonsten so fehlerfreien Film kommen konnte, stellt mir ein Rätsel dar….
Die Aussage passt nicht in den Kontext des Films.
….vielleicht eine Geschichte dazu…..
Ich habe einen Bekannten, welcher vor einiger Zeit in Peking war und dort ein Luxusrestaurant besuchte und sich dort eine Mahlzeit für 300 US-Dollar bestellte, eine sehr hohe Summe an jenem Ort und er bekamm dafür eine Platte mit 30 verschiedenen Penissen von 30 verschiedenen Tieren….er verspeiste also in einer Mahlzeit die Penisse von 30 verschiedenen Tieren und schwärmte wie gut (wobei ich an dieser Geschichte immer noch so meine Zweifel habe)….
….ich musste mich fast übergeben, als ich nur davon hörte….
….nur soviel zur chinesischen Küche….

Der Schneider bezahlt seinen Verrat bitter und sieht am Ende des Films Scarlett Johansson in seinem Kleid….eine Reminiszens an den Film im Film….die Oberfläche trifft den Untergrund….Camorra goes Hollywood….

Gomorra wurde als italienischer Kandidat für den Auslands-Oscar vorgeschlagen; wurde dem Film „Il Divo“ vorgezogen; welcher mir persönlich besser gefällt, aber nichtsdestotrotz ist Gomorra ein mehr als würdiger Kandidat für den Ausland-Oscar….
….ein Film der die Schattenseiten Italiens beleuchtet und somit die Öffentlichkeit für ein Thema sensibilisiert, welches allzuleich im Dunkeln verbleibt…
….ein sehr guter Film….

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