Ich habe vor einiger Zeit eine Vorlesung an der Universität Wien besucht, war wohl nicht inskribiert, besuchte diese aber nichtsdestotrotz, saß also jede Woche einmal dort im Veranstaltungsraum und hörte mir den Lehrenden an.
Bei den Vorlesungen war auch immer ein Bekannter anwesend und ich war eher desinteressiert, sowohl am Inhalt des Vorgetragenen, als auch am Stil und die Art wie der Inhalt transportiert wurde….und so saß ich eher desinteressiert als Nicht-Student zwischen den Studenten und Studentinnen, die eher gestresst wirkten, während ich eher ruhig und gelassen war.
Dies änderte sich dann aber schlagartig, als ich nach einigen besuchten Veranstaltungen mit einer partiellen geistigen Abwesenheit und einem halbherzigen Verfolgen des Ableiern des Vortragenden des Lernstoffes, bemerkte, dass ich dass was der Vortragende da vortrug, nicht verstand….nicht einzelne Sätze, einzelne Absätze, einige Erklärungen, die Kommente des Vortragenden, die Buchauszüge die dieser vorlas….nichts….ich verstand gar, gar nichts….

Und als ich so dem Vortragenden bei seinen Ausführungen folgte und mir klarer wurde, dass ich von dem was dieser am Pult sprach, gar nichts verstand, aber wirklich gar nichts, da wurde mir schon etwas mulmig zumute….so versuchte ich konzentriert dem Lehrstoff zu folgen, aber erfolglos….

Ich blickte zu den Studenten um mich, diese schrieben, so als ob diese an einem Fließband stehen würden, Wort für Wort was der Vortragende von sich gab, mit….dass muss man sich einmal vorstellen….Wort für Wort….buckelig über ihre Blätter versenkt, schrieben diese Wort für Wort mit….nicht ein, zwei….alle….und in den hinteren Reihen waren dann die hochgewachsenen Patriziersöhne/töchter, die sich schon allein durch ihren Standesdünkel hervorhoben und die Nase höher trugen, als wohl beinahe die Decke des Raumes reichte….und natürlich schrieben diese nicht mit, denn hatte ein jeder von diesen einen Laptop vor sich aufgebaut und tippten die Wörter ein….Wort für Wort….
Ich blickte mich nocheinmal um und bemerkte, dass ich der einzige im Vorlesungsraum war, der nicht wie eine Furie mitschrieb und mittippte, denn dem Vortragenden, wohl als einziger zuhörte….

Die Vorlesung endete und nachdenklich ging ich mit dem Bekannten auf ein, zwei Bier, sprach die Problematik nicht an und eilte dann in der nächsten Woche wieder zur Vorlesung.

Der Vortragende betrat den Raum, ging zum Podest und begann sofort wieder mit dem Lernstoff und sofort sanken die Köpfe des Proletariat über die Blätter und begannen die Patrizier mit dem noblen Tippen und anstatt den Vortragenden, begann ich die Studenten zu beobachten und wie ich diese so beobachtete, wie diese kalten Auges fleißig ihre Pflicht erfüllten, erwuchs mir ein Verdacht, der mir bald zur Gewissheit wurde.

Nicht ich verstand von dem was der Vortragende vortrug nichts, nicht ich hatte keine Ahnung, was dieser da von sich gab; nicht ich konnte dem wöchentlichen Vortrag nicht folgen, wobei ich anmerken möchte, dass wenn Hegel oder Kant da vorne gestanden hätten und einen ihrer Sätze nach 20 Minuten beendet hätten, dann hätte man wohl mehr verstanden….also nicht ich verstand nichts von dem was der Vortragende vortrug, denn alle im Raum anwesenden Studenten verstanden überhaupt nichts von dem Vortrag….niemand….und dass alle so eifrig mitschrieben bzw. mittippten, lag daran, dass diese dann in der restlichen Woche versuchten das Vorgetragene zu entziffern, zu enträtseln, zu entwirren; diesem sprachlichen Rätsel einen Sinn zu geben….versuchten etwas zu verstehen, dass man womöglich nie verstehen konnte….

Ich begann mitzuschreiben und schrieb um mein Leben….Zeile um Zeile, Seite um Seite füllten sich und nach einer halben Stunde begannen meine Finger zu schmerzen, aber ich schrieb bis zum Ende der Vorlesung mit….

Danach versuchte ich die restliche Woche dem Mitgeschriebenen einen Sinn zu geben, aber bei allen Versuchen, blieb mir dieser Text doch ein unlösbares Rätsel, beinahe ein Code….

Ich gab es auf und besuchte in der darauffolgenden Woche die Vorlesung, schrieb nicht mehr mit, denn es war ja sinnlos, bemerkte aber, dass der Vortragende zwischen diesen unverständlichen Sprachfetzen, diesen unentwirrbaren Chiffren, diesem elitären Kauderwelsch, immer wieder Bücher und Titel von Büchern und deren Autoren erwähnte….
….ungefähr 4-6 Bücher pro Vorlesung….
….vier bis sechs Bücher….
Und es gab doch tatsächlich Studenten welche sich diese 4-6 Bücher zwischen den einzelnen Vorlesungen kauften, ein Unterfangen, welches schon aus finanziellen Gründen für die allermeisten Studenten utopisch wirken müsste….aber es gab einige Studenten, welche sich diese 4-6 Bücher pro Woche kauften, diese lasen und somit versuchten, dass was der Vortragende vortrug zu verstehen….und ich dachte mir nur, dem Vortragenden sollte man vielleicht einmal sagen, dass man sich hier auf dem Planeten Erde befinden würde und nicht im intellektuellen Paradies, wo es Bücher regnet und alle in einer Sprache sich verständigen, die niemand versteht….aber genug….
Nach jener Vorlesung ging ich mit dem Bekannten auf ein, zwei Bier und dieses eine Mal sprach ich ihn dann doch darauf an….ob er denn dass verstehe, was der Vortragende von sich gebe und der Bekannte blickte mich an, als sei ich der größte Trottel weit und breit, blickte belehrend und von oben herab auf mich herab, vom Throne seiner Intellektualität und antwortete nichts….also ein Eingeständnis, dass er, einmal abgesehen vom Schein nach außen hin in alle Höhe haltend, auch nichts davon verstanden hatte….0,0 nichts….

Ich besuchte die Veranstaltung dann nicht mehr….

Ein, zwei Monate später, traff ich auf den Bekannten und ich fragte ihn, ob er denn die Prüfung für jene Vorlesung abgelegt hatte und dieser antwortete ja sicher, kinderleicht sei sie gewesen, überhaupt kein Problem….
….nun ja….
….alles bullshit….
(der Bekannte hat dann ein halbes Jahr später sein Studium abgebrochen)

….austrian supremacy….

Also mit den Studenten habe ich mich nie und wirklich nie identifizieren können; während diese andauernd in der Weltgeschichte herumflogen; vom 2-monatigen Aufenthalt aus den USA zurückkehrten, eine Exkursion nach Indonesien veranstalteten; während diese in ihren elitären Zirklen neue Denkfabriken gründeten; während die Kunststudenten sich in Grund und Boden vögelten; während die Studenten mit 19 Jahren schon mit Anzug und Krawatte auf Rechtsanwalt und zukünftiger Genosse der Bosse machten; während diese ihre Cocktails herunterschlürften; während diese auf die anderen herunterblickten; während diese sich vernetzten und Karriere planten; während diese sich für etwas Besseres hielten; während diese ihre Wochende in der Ferienvilla ihrer Eltern verbrachten; während diese keine Geld- und auch keine sonstige Sorgen kannten; während diese ihr Leben genossen; während diese in den Kaderschmieden zu großartigen funktionierenden Menschen geformt wurden; während diese sich allem und alles überlegen fühlten; während diese von Toleranz sprachen und im Reichenghetto Kaviar und Champagner verkosteten; während sich diese von arrivierten Architekten, Künstlern, Werbeargenturmitarbeitern durchvögeln ließen; während diese von Vernissage zu Vernissage eilten; während diese einem in jeder Sekunde ihres Dasein spüren ließen, was für ein zweitrangige, nie etwas bedeutende, dunkle Existenz man ist; während diese selbst das Licht in dieser Welt höchstselbst verkörperten; während diese in ihren schönen Wohnungen schöne Gedichte schrieben; während diese einem zeigten, was und wie die Welt ist; während diese einem zeigen wollten, über welchen Erfahrungsschatz verfügten und welche Sprachen sie alle sprachen; während diese Seite an Seite mit „Prominenten“ ihren Prosecco soffen; während diese ihre Jugend in allen Zügen auskosteten; während diese exquisiten Umgang hegten; während diese in ihren Manieren und Manierlichkeiten sich bereits der zukünftigen Elite dazuzählten; während diese das Rad drehten; während diese fremde Kulturen kennenlernten, während diese auf einem Niveau mit den Professoren sich unterhielten; während diese mich für einen Trottel hielten; während diese gute Jobs erhielten; während diese im 1.Bezirk flanierten; während diese sich cool und hip fanden; während diese im Nobel-Restaurant degustierten; während diese sich von den Professoren vernaschen ließen (w/m); während diese für ORF; FM4 und all die anderen Kasperlunternehmen arbeiteten; während diese auf eine Karriere als Cheftrottel in der Nationalbank hinarbeiteten; während diese mit den Professoren Small-Talk betrieben; während diese für ihre internationale Forscherkarriere planten; während diese ihr erstes Unternehmen gründeten; während diese mit Stipendien und Fördergeldern reich ausgestattet; während diese ihre Projekte und Träume umsetzten; während diese ihr Kokain aufteilten; während diese kalt und berrechnend; während diese für alles bezahlen konnten; während diese in den trendigsten Klamotten herumliefen; während diese in Satin erwachten, während diese sich für die Auserwählten hielten; während diese in die Stammhalterrolle schlüpften; während diese ihr Studium in Rekordzeit abschlossen; während diese sich für die Schönsten hielten; während diese einen wie mich auslachten; während diese mit den schönsten weiblichen Geschöpfen debattierten; während diese einen Polizisten noch nie gesehen hatten; während diese staubtrocken; während diese das Wort Prekariat für eine neue Biersorte hielten; während diese mit dem neuesten Computerequipment hausieren gingen; während diese mit ihrem nagelneuen Handys E-Mail nach Grönland verschickten; während diese in Australien nach altertümlichen Artefakten gruben (vergeblich, wie man weiß); während diese heute dort und morgen dort; während diese auf einen wie mich spuckten; während diese sich einem wie mich restlos überlegen fühlten….

….währendessen versuchte ich mich so weit wie möglich von dieser Art von Mensch, von dieser Art, das Leben zu sehen und anzugehen; von diesen Frauen und Männern; von dieser „Elite“; von diesen Neunmalklugen; diesen Schlampen und Hurensöhnen….
….also ich versuchte mich so weit wie möglich von diesen fernzuhalten….
….also ich versuchte, mich so weit wie möglich von diesen zu entfernen….
….Mensch zu bleiben; ein Außenseiter zu bleiben….

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